Ein multifunktionales Modell des Projektmanagements im Hochbau

Muhm, A. C. N.: Ein multifunktionales Modell des Projektmanagements im Hochbau
Springer Vieweg Fachmedien Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-04561-6; ISBN 978-3-658-04562-3
(eBook), 275 S., € 59,99
 
Bei der vorliegenden Buchveröffentlichung handelt es sich um die Dissertation von Muhm an der Technischen Universität Wien im Jahr 2013. Er untersucht aus der Sicht des Projektmanagements für Hochbauprojekte mit einer Investitionssumme von mehr als 100 Mio. € die Aufgaben der Projektbeteiligten in Planung und Ausführung für die Entstehungsphasen der Konzipierung, Planung und Errichtung. Dabei beschränkt er sich nicht auf die Darstellung der Aufgaben des Projektmanagements, wie nach dem Titel des Buches vermutet werden könnte, sondern betrachtet die Aufgaben aller beteiligten Akteure und ihre Kooperation in den behandelten drei Entstehungsphasen.
 
Dazu beschreibt Muhm im Kapitel 2 Das Prozessmodell im Überblick zunächst den Gebäudelebenszyklus in acht Basisprozessen von der Initiierung bis zum Abbruch. In den weiteren Ausführungen konzentriert er sich auf die drei Basisprozesse der Konzipierung, Planung und Errichtung, d. h. er setzt den erfolgreichen Abschluss einer Bedarfsplanung bzw. Projektentwicklung im engeren Sinne voraus. Die Basisprozesse von der Nutzung bis zum Abbruch werden anschließend nicht weiter vertieft.
 
Im ersten Hauptteil seiner Arbeit (Kapitel 3 Disziplinen- und Akteursanalytik) unterteilt er die Projektbeteiligten zunächst nach den Disziplinen Technik, Wirtschaft, Recht und Projektmanagement. Danach beschreibt er die Aufgaben der planungsbeteiligten Akteure der Technik und des Projektmanagements sowie deren Kooperation und die Beauftragungsmodelle zur Gebäudeerrichtung vom Einzelleistungsträger bis zum Totalunternehmer. In Unterkapiteln mit der Überschrift „Einleitende Analytik“ nimmt Muhm jeweils systematisierende Unterscheidungen vor. Weiter stellt er zu befolgende Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen dem Auftraggeber und den Leistungserbringern auf.
 
Bei den Leistungsbeschreibungen für die planungsbeteiligten Akteure der Technik vom Architekten bis zum strategischen und operativen Facility-Manager stützt sich Muhm vorrangig auf die Leistung und Honorarordnungen der Schweiz (SIA 102, Ordnung für Leistungen und Honorare der Architektinnen und Architekten, 2003, und SIA 113, FM-gerechte Bauplanung und Realisierung, 2010) und Österreichs (HOA, Honorarordnung für Architekten, 2002), die er jeweils auch in tabellarischer Form in den Leistungsphasen vom Vorentwurf bis zur Abnahme mit den einzelnen Teilleistungen wiedergibt (vgl. Abb. 3.6 bis 3.25).
 
Unter Ziffer 3.3 Aufgaben des Projektmanagements beschreibt Muhm in knapper Form dessen Inhalte. Dabei gliedert er nach den Handlungsbereichen Termin-, Kosten- und Qualitätsmanagement. Den Handlungsbereich A: Organisation, Information, Koordination und Dokumentation gemäß Heft 9 des AHO vom März 2009 (von Muhm als Literaturquelle an keiner Stelle erwähnt), untergliedert er weiter in Personal-, Kommunikations-, Risiko- und Dokumentenmanagement. Der Handlungsbereich E: Verträge und Versicherungen wird nicht beleuchtet.
 
Unter Ziffer 3.4 Kooperation der handelnden Akteure führt Muhm u. a. auf S. 136 treffend aus: „Interdisziplinarität bedeutet, dass Akteure die Denkweisen und praktischen Vorschläge der Akteure anderer Fachrichtungen, auch derer, die nicht direkt an der Planung beteiligt sind, nachvollziehen, kritisch prüfen und bei Konzipierung der eigenen Vorschläge bestmöglich nutzen, um eine möglichst breit abgestützte, fachübergreifende Planung zu erzielen.“ In der Bauwirtschaft sei diese Arbeitsmethode jedoch noch nicht ausreichend etabliert.
 
Die Planungsqualität könne durch eine straffe Terminvorgabe und einen organisatorisch strukturierten Planungsprozess maßgeblich beeinflusst werden. Die Forderung auf S. 141: „Der Terminplan muss daher Bestandteil der Verträge aller an der Projektentwicklung beteiligten Akteure sein.“ Ist vertragsrechtlich allerdings ohne Aussagekraft. Die Auswirkungen des Kostendrucks auf die Planungsqualität werden nur kurz gestreift.
 
Bei der Beschreibung der fünf Beauftragungsmodelle vom Einzelleistungsträger bis zum Totalunternehmer wäre eine Bewertung wünschenswert gewesen, welches Modell sich jeweils für welche Auftraggeberkonstellation und Projektart eignet.
 
Im zweiten Hauptteil der Arbeit (Kapitel 4 Kernprozesse des Projektmanagements) beschreibt Muhm nicht die Prozesse des Projektmanagements, sondern die Leistungen der projektbeteiligten Akteure in den drei Basisprozessen Konzipierung, Planung und Errichtung.
 
Wesentlicher Bestandteil des Kapitels 4 sind die tabellarischen Darstellungen der 25 Basisteilprozesse von der Analyse des Teilprozesses Konzipierung als Wettbewerbsverfahren bis zum Teilprozess Abnahme (vgl. Abb. 4.1 bis 4.25).
 
Diese Darstellungen enthalten jeweils für die Teilprozesse die Teilphasen, die beteiligten Akteure, deren Aufgaben (Durchführung, Koordination/Kontrolle/Dokumentation, Freigabe, Mitwirkung), die Erfordernisse und die erwarteten Ergebnisse.
 
Damit hat Muhm ein durchgängiges Konzept des interdisziplinären Zusammenwirkens der projektbeteiligten Akteure geschaffen, das diesen und damit auch dem Projektmanagement als Vorlage für die Gestaltung der Prozessabläufe bei der Konzipierung, Planung und Errichtung von Hochbauprojekten dienlich sein kann. Interessant sind in den Abbildungen 4.1 und 4.2 auch die angegebenen internen /externen Störungen sowie Möglichkeiten zur Einflussnahme. Dabei wäre die Ergänzung der Bürgerbeteiligung wünschenswert gewesen, wie u. a. die Projekte Stuttgart 21, 3. Startbahn des Flughafens München und Stromtrassen von Nord nach Süd, eindrucksvoll bestätigen.
 
Die im Kapitel 5 Zusammenfassung unter Ziffer 5.3 aufgeführten 50 Handlungsempfehlungen für das Projektmanagement sind hilfreich, wobei eine nach Handlungsbereichen und Projektphasen strukturierte Darstellung und Bündelung im Sinne von einzuhaltenden Geboten, Regeln bzw. Standards einprägsamer gewesen wäre. Die Pannen bei zahlreichen Großprojekten, nicht nur in Deutschland, der jüngsten Zeit zeigen, dass trotz der verstärkten Anstrengungen zur Verbesserung des Projektmanagements im Bauwesen seit mehr als 45 Jahren offenbar immer noch gravierende Umsetzungsprobleme bestehen.
 
Der Fortschritt des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes und die innovative Leistung von Muhm bestehen darin, dass er insbesondere mit den tabellarischen Darstellungen im Kapitel 4 seiner Arbeit hilfreiche Handlungsempfehlungen für das interdisziplinäre koordinierte Zusammenwirken der projektbeteiligten Akteure gibt. Deren Befolgung trägt sicher dazu bei, bei künftigen Projekten für sorgfältig durchstrukturierte und interdisziplinär koordinierte Basisprozesse der Konzipierung, Planung und Errichtung zu sorgen. In diesem Sinne ist dem Werk für Großprojekte im Bereich des Hochbaus eine weite Verbreitung zu wünschen.
 
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Claus Jürgen Diederichs, FRICS
Ehrenvorsitzender
Deutscher Verband der Projektmanager in der Bau- und Immobilienwirtschaft e.V.
Sachverständiger für Projektsteuerung, Abrechnung und Honorare im Hoch- und Ingenieurbau
DSB + IQ-Bau GbR, Diederichs . Peine, München